26.11.2009Album-Kritik "Neue Helden braucht das Land" (Andy Zahradnik)

Neue Helden braucht das Land oder Sturm in den Liedern
Die EAV und die herben Zeiten


Herbstzeit ist Sturmzeit. Übergang. Aus Trauben wird irgendwann Wein. Dazwischen rumort es im Fass und nur für kurze Zeit geschieht durch Gärung darin das, was in Österreich als "Sturm", in Deutschland als "Federweißer", bei immer mehr Menschen große Freude auslöst. Bei Liedern verhält sich alles ganz genauso. In der Zeit der Lese wird getextet und komponiert. Die ersten Aufnahmen, die ersten Mixe: Es ist Sturmzeit. Alles fertig, alles gemixed, das Cover gezeichnet - hübsch etikettiert gehen die Lieder dann ab in die Läden. Ich mag die Sturmzeit, sie ist für mich die Phase, wo der Winzer noch nicht das volle Stylisten-Programm gefahren hat, wo sich die Dinge noch sehr rau und direkt darstellen. "Willst Du sie hören?", fragte der Liedwinzer Thomas Spitzer am Telefon und so saß ich nahezu im gleichen Moment schon mit ihm im Wohnzimmer. Ein guter Geist stellte vor uns zwei Gläser Schilcher-Sturm auf den Tisch und ich war glücklich. Ganz frische Lieder zu hören ist ein besonderes Erlebnis. Sturm in den Liedern, Sturm auf den Tonspuren.

Die EAV wurde 1977 in der österreichischen Steiermark gegründet. Comic Rock, eine Art Mix aus Rock'n'Roll, gesellschaftspolitischem Kabarett und wildem Aktionismus auf der Bühne. In den 80ern ging der Erfolg durch die Decke. Die Hits reichten sich in den Charts die Spitzenpositionen wie beim Staffellauf weiter und irgendwie hätte man bei oberflächlichem Hören den Eindruck bekommen können, es gehe lediglich um Witz und Klamauk. Das war und ist Blödsinn, damals wie heute. Man war in Schnitzelland seit jeher schon Großmeister darin, die Dinge erst auf Umwegen auf den Punkt zu bringen, indem man diese vorher hübsch in Schmäh, Zynismus und Witz einpackt, um dann von hinten drauf zu hauen. Verbale Arschtritte haben hier Tradition. Was als Witz daher kommt, ist nicht selten böse Satire, die runter rinnt wie gesalzener Honig. Und das ist gut so, es ist im Sinne des Erfinders. Die bekannten Hits der EAV sind demnach nur vermeintliche Gröhler, die im Übrigen mittlerweile am ehesten von jenen verstanden werden, die damals zu "Märchenprinz"- oder "Ba-Ba-Banküberfall"-Zeiten Kinder waren. "Früher als Kinder, da haben wir's gesungen und gelacht, heute aber, da verstehen wir was ihr eigentlich sagen wollt... Das hören wir immer wieder von den Leuten bei unseren Konzerten", erzählt Thomas Spitzer. Es ist eine gerne gehörte Bestätigung dafür, dass nicht alles umsonst war und ist, was den Mann so bewegt.

Die EAV heute ist für mich eine Reisegesellschaft, die durch ihre eigene Geschichte navigiert und irgendwie fast wieder dort ist, von wo sie einst los gestartet ist. Ihr Reisegepäck ist über die Jahre gewachsen, die Erfahrungen von 22 Jahren aber, die münden heute wie damals in der klaren Aussage der Protagonisten: "Besser von Wenigen geachtet, als von der Masse bejohlt". Gut, ich war immer einer der dann johlt, wenn ich das achten kann, was ich höre und so saß ich da auf dieser Ledercouch mit frischen Liedern für die Ohren.

"Neue Helden braucht das Land" – der Titelsong der neuen CD ist gleichzeitig der Türöffner zum Album, zum Sturm in den Liedern: "Neue Helden braucht das Land, mit den Köpfen tief im Sand und hast du grad ein Karriere-Loch, werde Szene-Tussi oder Fernsehkoch. Neue Helden braucht das Land, mit Goethe sind sie kaum verwandt. Bussi, Bussi, Ciao vom Trottel-TV und am anderen Kanal sucht ein Bauer seine Sau". Lustig? Ja, es ist lustig, weil alles so wahr ist und darüber endlich auch einmal in Klartext gesungen wird. Mal ehrlich, wer von uns hat sich nicht schon mal vor Fassungslosigkeit ans Hirn gegriffen, ob der Dinge, die uns da zur besten Sendezeit nach Hause geschickt werden?

Die EAV hatte mit dem Album "Amore XL" (2007) begonnen, die Schrauben wieder fester anzuziehen. Mit ein bisschen Bauchweh zwar, aber doch konsequent und siehe da, der Schuss war nicht nach hinten losgegangen. "Wir haben eher mehr Freunde gewonnen, als alte verloren", resümiert Spitzer und schiebt ergänzend hinterher: "Die EAV muss heute keinen Gag haben müssen. Die Stillosigkeit ist der Stil, alles darf möglich sein und ehrlich gesagt, fühle ich mich sehr wohl dabei, wenn wir mehr von uns zeigen dürfen". Gut so, denn genau darum ist es bei der EAV im Grunde immer gegangen und so ist die neue CD keine Gratwanderung zwischen irgendetwas, sondern ein Liederreigen, der sich inhaltlich die Hand gibt und nie so dicht an der Zeit war wie heute. Krise, platzende Blasen oder wie es der Herr Spitzer sagt: "Ohne Hirn, mit viel Geduld, wird aus jeder Scheiße Kult".

Der heimliche Opener des Albums ist der Song "Dummheit", weil er den Bogen spannt bis zum logischen Finale, dem Titel "Wie schön". Die Geschichte ist ganz einfach: Weil wir so blöd sind, machen wir alles kaputt. In "Wie schön" rät die EAV dem lieben Gott, sich zu überlegen den sechsten Schöpfungstag möglicherweise doch zu streichen. Dem Eisbären, dem in der Arktis die Scholle unter seinem pelzigen Hintern davon schmilzt, dem dürfte dieser Vorschlag sympathisch sein. Dazwischen tummeln sich Lieder wie "Bitte Bier". Wer auf Mallorca mit dem Kopf im Sangria-Eimer versinkt, wird spätestens dann verstehen was gemeint ist, wenn die Kloschüssel zum besten Freund wird. "Erhobener Finger? Das ist nicht die EAV, das geht beim Spitzer nicht", meint derselbe. Den Spiegel vorm Gesicht, den Finger im Hals. Bitte Bier! So geht’s. Dann höre ich Lieder wie "Esoterror" oder "Nostradamus". Das Mittelalter hat uns alle überlebt. Punktgenau in der Zeit liegt ein Titel, dessen Idee schon acht Jahre alt ist: "Supertürke". Es geht um Parallelgesellschaften, dumpfes Machismo und erst durch einen wie Spitzer wird so ein Lied unverdächtig: "Ich sehe nicht aus wie ein Arier und wenn jemanden ein Nazi-Baseballschläger erwischt, dann am ehesten mich", sagt er und verweist im gleichen Atemzug auch auf das Lied "Toleranz". Persönlich berührt mich der Song "Beim Csejtei im Hof". Im Übrigen eine wahre Geschichte. Dort, beim Wirt in Feldbach, wohnt Thomas Spitzer wenn er in Österreich ist und der Blick vom Fenster in den Hof, wo die Mülleimer stehen, brachte irgendwann dieses Lied hervor. Es ist keines, das Erklärungen braucht. Es ist eines, das einfach nur gehört gehört.

Die jungen Lieder, so wie ich sie da auf der Couch hören konnte, sie waren alle im Sturm-Stadium. Wild, lustig, zornig und es wäre falsch hier an dieser Stelle jedes einzelne zu beschreiben. Leute, es gibt was zu entdecken! Der Mundschenk zieht sich an dieser Stelle zurück. Überhaupt: Wer weiß, ob die Lieder später, also gereift und abgefüllt, anders wirken als an diesem Sonntag im Herbst 2009? Was ich persönlich aber nicht glaube, denn wichtig ist die Wurzel aus der die Satire erwächst. Diese besondere Art, Wörter und Melodien zu verbinden und diese unglaublichen Reime, die wie bei einem Rodeo auf dem Witz reiten, weil so auch die Chance gegeben ist, dass irgendwann jeder kapiert, was eigentlich gemeint ist. Rodeo, dass ist Spaß mit blauen Flecken, dann und wann tut’s auch noch mehr weh. Wie gesagt, die Zeit war nie näher an der EAV als heute. Oder umgekehrt? Nicht fragen. Anhören und selbst draufkommen.

Andy Zahradnik / Musikjournalist



Liedwinzer Thomas Spitzer:

"neue helden braucht das land oder: jedes volk bekommt, was es verdient"

was es zu den inhalten der aktuellen eav-cd: "neue helden ... braucht das land" zu sagen gibt, ist in - in jeder hinsicht - höchst unterschiedlichen songs textlich bereits verdichtet – also am besten anhören.
nachdem man von einer presse-aussendung aber in der regel zumindest irgendeine marginal-information erwartet, sei in den folgenden zeilen versucht, diesem anspruch zu genügen.

in den vorherrschenden wirtschaftlichen wie kulturellen krisenzeiten sehnt sich die medien-konforme / gesteuerte/ volksseele weniger denn je nach literatur-giganten, obsoleten denk-titanen oder sonstigen kunst- und geistes-heroen, sondern ergibt sich obsessiv und glücksgebeutelt seinen neuen zeitgeist-helden:

"...neue helden braucht das land, mit den köpfen tief im sand
und hast du grad ein karriere-loch, werde szene-tussi oder fernsehkoch
neue helden braucht das land, mit goethe sind sie kaum verwandt
bussi, bussi, ciao vom trottel-tv -
und am anderen kanal sucht ein bauer seine sau - au,au..."

unter dem motto: "ohne hirn, mit viel geduld, wird aus jeder scheiße kult" sind heute lallende pickelmonster als talkshow-dauergäste, exhibitionistische container-zombies, tanz-klone, masochistische pop-sängerknaben auf dem weg zum jury-schafott, würmer- und känguruhoden-schluckende ex-promis in dschungelcamps und vulgäre unterleibs-comedians ohne gürtellinie die umjubelten stars der voyeuristischen spaßnation.

dem medien-gott sei´s gedankt, dass das frauenbild emanzipierter amazonen a la simone de bouvoire und alice schwarzer durch diverse dumpf-ikonen, deren hauptbeschäftigung das schöne nichtstun und hohl-lächelnde existieren vor eventkameras ist, erfolgreich rückentwickelt worden ist.

als bemerkenswerte auswüchse unserer reizüberfluteten westlichen welt des rasenden stillstands sind zeiterscheinungen wie der einträgliche "eso-terrorismus", die strenge domina alias "sado-lili", der gamble-wütige ebay-messie und die rabattgeile "schnäppchen-sau", "der frauenversteher", der "hypochonder" wie auch der hopfen-hörige "malle-kalle" vom ballermann dankbare themen, um in bewährter manier von der eav behandelt zu werden.

obwohl sich in herben zeiten oberflächlich-unterhaltsames besser verkauft als schwer verdauliches, ist das neue album (für manche vielleicht leider) nicht nur bequem geworden, was aber ganz im sinne der erfinder lag, denn unklare zustände verlangen eine klare sprache und: "besser von wenigen geachtet, als von der masse bejohlt!"
so sind titel wie "dummheit an die macht", "nostradamus", "supertürke", "toleranz", "obama", "beim cseijtei im hof" und "wie schön wär diese welt" kritischer und nachdenklicher ausgefallen, als mann und frau das von der eav üblicherweise erwarten - trotzdem gute unterhaltung...".